Jung verwitwet, aber wieder aufgestanden

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Andrea Nyffenegger weiss, was es heisst, einen geliebten Menschen zu verlieren. Sie war 13 Jahre mit Andreas Steiner, dem ehemaligen Leiter der Freikirche EGW Waltrigen, verheiratet. Dieser starb im Alter von 41 Jahren an der Lungenkrankheit Cystische Fibrose. Wie schaffte sie es, wieder aufzustehen und einen Neuanfang zu wagen?

Andrea Nyffenegger, die Leidensgeschichte von Andreas Steiner und sein Kampf mit der Lungenkrankheit «Cystische Fibrose» (CF) hat in der Region viele Menschen bewegt. Wie war das für dich, ihn durch diese Zeit zu begleiten?
Es war einerseits eine grosse Herausforderung, aber auch eine grosse Ehre, Res durch diese Zeit zu begleiten. Ich bin daran stark gewachsen. Wir erlebten als Paar, aber auch als Kirche immer wieder, wie Gott in unsere tiefen Nöte eingriff. Und Res war ein starker Kämpfer – in vielerlei Hinsicht.

Du wusstest bereits, als du Res kennengelernt hast, dass du ihn wegen der CF vielleicht schon früher loslassen musst. Hat dir das damals nicht Angst gemacht?
Ich habe mir viel Zeit genommen vor unserem Beziehungsstart und für mich intensiv geprüft, ob ich wirklich bereit bin für diesen Weg. Ich tauschte mich hierbei auch mit Familie und Freunden aus, weil es mir bewusst war, dass ich einen Mann heiraten würde, welcher ein grosses Wunder Gottes braucht. Doch ich spürte Gottes Reden und seine Wegweisung, dass ich mich sicher genug fühlte, Ja zu sagen zu einer gemeinsamen Zukunft mit Res. Wir erlebten 13 intensive und sehr schöne Ehejahre, welche ich nicht missen möchte – auch wenn ich nicht mit einem solch raschen Ende rechnete.

«Wir erlebten als Paar, aber auch als Kirche immer wieder, wie Gott in unsere tiefen Nöte eingriff.»

Fällt es dir heute schwer, über den Tod deines ersten Mannes zu reden?
Nein, das fällt mir nicht mehr schwer. Drei Tage vor dem Tod musste Res ins künstliche Komma versetzt werden, da sein Herz und seine Lunge einen Moment ausfielen. Von diesem Zeitpunkt an wusste ich innerlich, dass Res sterben würde. Verschiedene Freunde und Familienangehörige kamen nochmals vorbei, unterstützten mich am Krankenbett und wir erzählten uns, welch ein Segen das Leben von Res für uns war. Das war für mich sehr trostreich und mit einem grossen Frieden verbunden. Wir glaubten in all den Jahren fest daran, dass Gott Res von dieser Krankheit heilen würde. Das förderte unser Glaubensleben stark – obwohl wir gegen Ende auch Frustration erlebten, als sich sein Gesundheitszustand so rasch verschlechterte. Der Glaube, dass Gott alles im Griff hat, ermutigte uns jedoch bis zum Schluss fest. 


Du warst beim Tod deines Ehemanns Mitte Dreissig. Wie lange ging dann dein Trauerprozess und wie gestaltete er sich?

Ich erlebte einen sehr intensiven Trauerprozess, auch durch externe professionelle Unterstützung. Obwohl ich von meinem Charakter her Schmerz eher aus dem Weg gehe und diesen lieber verdränge, war mir sehr wichtig, den Schmerz intensiv zuzulassen und da hindurchzugehen. Das erste Jahr war sehr intensiv und so schwer, wie ich noch nichts sonst erlebte. Plötzlich alleine zu stehen mit meinem Leben zog mir den Boden unter den Füssen weg. Mein Job half mir in dieser Zeit enorm. Ich hatte damals die Geschäftsleitung der Spitex Region Lueg für ein halbes Jahr interimsmässig inne. Das half mir, täglich aufzustehen und mich nicht zu verkriechen. Ich musste lernen, meine Freunde in mein Erleben miteinzubeziehen, Schwäche immer wieder zuzulassen, meine Bedürfnisse mitzuteilen und Hilfe anzunehmen. Dank meinen Eltern und engen Freunden erlebte ich ganz viel Unterstützung und Begleitung.

Heute kannst du mit etwas Distanz auf dieses «dunkle Tal» zurückblicken. Was nimmst du als Erkenntnis aus dieser Zeit mit für dein Leben?
Ich habe gelernt, wie zerstörerisch Selbstmitleid ist! Wenn ich mich darauf fokussiere, was ich alles verloren habe, was alles nicht mehr ist und nie mehr so sein wird, dann tut das meiner Seele nicht gut. Die Versuchung war manchmal gross, mich diesen Gefühlen hinzugeben. Einen kurzen Moment ist Selbstmitleid sogar wohltuend – jedoch nur ganz kurzfristig. Diese Gedanken und Gefühle zerstören auf Dauer jeden Fokus und Blick auf das Positive, auf die Aspekte im Leben, die gut sind. Ich verliere den Blick dafür, dass Gott IMMER einen Weg sieht, bereit hat und ihn mir zeigen möchte. Ich kann mich entscheiden, wie ich weitergehen will und die Verantwortung für mein Leben neu ergreifen. Das habe ich glücklicherweise immer wieder geschafft.

«Ich habe gelernt, wie zerstörerisch Selbstmitleid ist.»

Inzwischen hast du wieder geheiratet und bist im August 2020 sogar Mutter einer Tochter geworden. Herzliche Gratulation!
Merci vielmals!

Die Geburt eines Kindes ist immer ein emotionaler Moment – etwas vom Grössten im Leben. War dieses Erlebnis für dich – nach allem, was du in den letzten Jahren durchgemacht hattest – vielleicht noch intensiver?
Die Geburt meiner Tochter war für mich überwältigend. Ich empfand dies auf jeden Fall sehr intensiv – auch weil ich nicht mehr dachte, dass ich dieses Geschenk noch erleben darf. Ich hatte mir immer sehr gewünscht, Mami zu werden. Leider wurde dieser Wunsch in meiner ersten Ehe nicht erfüllt, was für mich viele Jahre ein schmerzlicher Prozess war. Nach dem Tod meines ersten Ehemannes war ich schon in einem etwas fortgeschrittenen Alter, um noch Kinder zu bekommen. Trotzdem erlebte ich mehrere Situationen, in denen ich den Eindruck hatte, Gott gebe mir die Verheissung, noch ein Kind zu bekommen. Die Geburt unserer Tochter ist deswegen für mich nicht nur ein mega Geschenk, sondern auch die Erfüllung von Gottes Reden in meinem Leben.

«In jeder Krise verstecken sich neue Wege, die wir gehen können, falls wir uns darauf einlassen.»

Worauf freust du dich am meisten in dieser neuen Lebensphase?
Mein Leben hat in den letzten Jahren sehr grosse Veränderungen erfahren. Ich darf erneut mit einem wunderbaren Mann verheiratet sein und Familie erleben und leben. Das ist ein grosses Geschenk und erfüllt mich immer wieder mit grosser Dankbarkeit. Ich freue mich über das Unterwegssein als Familie. Unsere kleine Tochter aufwachsen zu sehen, ist jeden Tag ein Abenteuer.

Du bist auch beruflich sehr gefordert als Stellvertretende Geschäftsleiterin der Spitex Region Lueg. Wie hast du gerade auch die letzten 12 Monate mit der Corona-Pandemie erlebt?
Ich bin immer wieder erstaunt und etwas sprachlos, was ein kleines Virus in unserer Zeit anstellen konnte. Es malt uns vor Augen, dass wir das Leben nicht im Griff haben und auch nicht kontrollieren können. Es kann Angst auslösen, aber es kann uns auch helfen, uns wieder Gott zuzuwenden, weil wir in dieser Situation dringend jemanden brauchen, der über diesem Virus steht und dem wir unser Leben, unsere Gesundheit und Zukunft anvertrauen können. Ich hoffe, dass viele Menschen in dieser Zeit mit Gott ins Gespräch kommen und erleben dürfen, dass er da ist, dass er Hoffnung, Kraft und neue Perspektiven schenkt. In jeder Krise verstecken sich neue Wege, die wir gehen können, falls wir uns darauf einlassen.

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