«Wir sollten es nicht verpassen, das Schöne zu sehen!»

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Im Jahr nach Ausbruch des Coronavirus in unserem Land das Amt des Nationalratspräsidenten zu übernehmen, klingt nach einer gigantischen Verantwortung. Doch Andreas Aebi wirkt nicht wie ein Mann, der eine zentnerschwere Last mit sich herumschleppt. Kein Gehetzter. Kein Gejagter, der kaum noch Augen für einen Sonnenuntergang hat. Ganz im Gegenteil.

Florian Wüthrich traf ihn in seiner Wohnstube in Alchenstorf zum Gespräch. Es sind ein paar Jahre vergangen, seit wir uns zuletzt gesehen haben. 2013, als Andreas Aebi als OK-Präsident des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Burgdorf amtete, hatte ich ihn als Sportreporter des Lokalradios neo1 oft vor dem Mikrofon. Schon damals beeindruckte mich diese stoische Ruhe, mit der er das 240-köpfige Organisationskomitee leitete. Das «Eidgenössische» gilt als das grösste wiederkehrende Sportereignis und ist mit einem Budget von 25 Millionen Franken eines der grössten Volksfeste der Schweiz. Es lockte 300’000 Besucher nach Burgdorf.

 Militär als erste Lebensschule

Verantwortung zu übernehmen ist für Res Aebi, wie er im Emmental genannt wird, heute etwas vom Natürlichsten. «Vielleicht habe ich das vom Militär, dass ich gelernt habe, mit unterschiedlichsten Herausforderungen umzugehen», sinniert Aebi. Er habe das gewaltige Privileg gehabt, bereits mit 24 Jahren eine Kompanie mit 160 Rekruten zu führen. Da es in den 80er-Jahren noch keine Handys gab, lief der Kontakt zur «Aussenwelt» während der RS auch über das Büro des Kompaniekommandanten. «Dort lernte ich, mit schwierigsten Situationen umzugehen», sagt Aebi rückblickend. «Das schlimmste war, als ich einem jungen Mann beibringen musste, dass sein Bruder bei einem Motorradunfall ums Leben kam.» Zum Ende seiner militärischen Karriere führte der heute 62-jährige Emmentaler ein Infanteriebataillon mit 820 Militärangehörigen.

«Im Militär lernte ich, mit den schwierigsten Situationen umzugehen.»

Mitten in der Coronakrise zum höchsten Schweizer gewählt zu werden, sei aber schon eine grosse Sache, gibt er zu. Schon in seiner Antrittsrede betonte Aebi die besonderen Rahmenbedingungen: «Die Coronakrise lehrt uns, in der Parlamentsführung situativ zu reagieren, umzudisponieren und neue Wege zu gehen.» Er nahm sein Amtsjahr unter dem Motto «Zusammenhalt, Zuversicht und Zufriedenheit» in Angriff. Es sei die Zeit des Verzichts und der Solidarität und nicht die Zeit des Vergnügens und der Zerstreuung, mahnte Aebi. Er gedachte jener, die in der Pandemie geliebte Mitmenschen verloren haben, und der Menschen, die Angst um ihre Arbeitsstelle haben. «Ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes Lichtblicke und Zufriedenheit im Zusammensein mit Familie und Freunden. Das gemeinsame Lachen, aber auch die gemeinsame Trauer, wenn es die Umstände bringen, soll seinen Platz einnehmen.»

Der Mensch im Zentrum

Sein grosses Glück und wohl auch ein Schlüssel, warum er im Leben so viele schöne Aufgaben übernehmen durfte, sei sein gutes Einfühlungsvermögen. «Ich habe generell Menschen gern – egal ob jung, alt, gebildet oder weniger gebildet. Ein Gespräch mit einem Älpler kann genauso spannend sein wie jenes mit dem Aussenminister von Indien. Begegnungen gehen mir oft nahe.» Alles, was er mache, habe mit Leuten zu tun, sei es auf dem Bauernbetrieb, wo er im Laufe der Zeit 60 Lehrlinge ausbilden konnte, sei es als Politiker, wo er als Mitglied der aussenpolitischen Kommission zahlreiche internationale Kontakte pflegt, sei es als Auktionator, wo er mit vielen Viehzüchtern zu tun hat und sein Flair als Verkäufer unter Beweis stellen kann (die NZZ bezeichnete ihn 2012 als «Verkäufer mit sozialer Ader»). Das sind noch lange nicht alle Interessenfelder, in denen sich Andreas Aebi wohl fühlt. Die Familie Aebi ist Inhaberin eines Reisebüros. Auch da komme ihm sein Menschen- und Namensgedächtnis zugute: «Wenn mir jemand von unseren rund 1’300 Reiseleuten erzählt, er habe bald eine Hüftoperation, dann vergesse ich das nicht und kann die Person bei der nächsten Reise darauf ansprechen, wie es denn heute mit der Hüfte gehe.»

«Ein Gespräch mit einem Älpler kann genauso spannend sein wie jenes mit dem Aussenminister von Indien. Begegnungen gehen mir oft nahe.»

Auch bei seiner Tätigkeit im Bundeshaus stünden Personen, mit denen er gerade im Gespräch sei, an erster Stelle. Das Parteipolitische sei in diesem Moment zweitrangig. Es gehe immer darum, die Menschen ernst zu nehmen. Vielleicht war diese menschliche Art ausschlaggebend dafür, weshalb der SVP-Politiker mit dem Glanzresultat von 178 von 183 gültigen Stimmen zum Nationalratspräsidenten gewählt wurde.

Das ganzheitliche Denken, das den einzelnen Menschen und die Natur wahrnimmt, versuche er auch seinen drei Kindern und den Lehrlingen auf dem Bauernhof weiterzugeben. So könne es durchaus vorkommen, dass ihm ein Lehrling mitten in einer Parlamentssitzung oder während einer Reise ein Foto schicke von der ersten Rauchschwalbe, die sich im Bauernhof eingenistet hat. «Das ist jedes Jahr ein Highlight!», strahlt der begeisterte Ornithologe, der auch das Vogeldorf Alchenstorf initiiert hat. Und wenn ein Lehrling oder seine Frau anrufe, habe das immer oberste Priorität. Von ihnen lasse er sich sogar in einem Gespräch mit einem Bundesrat unterbrechen.

«Es geht viel verloren, wenn der wichtige Blickkontakt und die gemeinsamen Erlebnisse fehlen.»

Wenn der höchste Schweizer persönlich anruft

Diese Gelassenheit lässt sich Andreas Aebi auch von erzürnten Bürgerinnen und Bürgern nicht nehmen. Aktuell bekomme er zahlreiche Beschwerdemails und -briefe von Leuten, die frustriert seien über den Umgang des Bundesrats und des Parlaments mit den Coronamassnahmen. Auf einige dieser Zuschriften reagiere er persönlich – am liebsten gleich mit einem Anruf. «Die meisten sind geschockt, wenn sie merken, dass sie mit dem Nationalratspräsidenten verbunden sind. Oft geben sich die Leute plötzlich ganz anders, wenn man mit ihnen spricht, ihnen zuhört und ihr Anliegen ernst nimmt.» Das direkte Gespräch sei immer noch der beste Weg, etwas zu klären, ist Aebi überzeugt. Manchmal könne er auch direkt bei der Lösung eines Problems behilflich sein. «Kürzlich hat eine Frau, die in der Pflege tätig ist, alarmierend geschrieben, sie bekomme keine Impfung, obwohl sie eine Risikopatientin sei. Wir haben dann telefoniert und ich empfahl ihr, dem Verwaltungsratspräsidenten des Spitals, in dem sie arbeitet, eine E-Mail zu schreiben und mir eine Kopie zukommen zu lassen. Danach kam diese Sache in Bewegung.»

Die Distanz sieht Andreas Aebi als grosse Belastung in der Pandemie. «Man wird sich fremder», beobachtet er. Dies sei sowohl in der hohen Politik wie auch im Dorfverein der Fall. «Die internationalen Beziehungen leiden durch die Reisebeschränkungen, wie wir zuletzt bei Weissrussland oder China gemerkt haben. Es geht viel verloren, wenn der wichtige Blickkontakt und die gemeinsamen Erlebnisse fehlen. Neulich sagte mir ein 24-jähriger Mann bedrückt, seine Hornussergesellschaft sei am Auseinanderfallen.»

Auch die Entfremdung zwischen Stadt und Land verschärfe sich zusätzlich. Deshalb wolle er in seinem Präsidialjahr in Zusammenarbeit mit den kantonalen Erziehungsdirektionen und Emmental Tourismus ein neues Programm lancieren, um Schulklassen von der Stadt aufs Land und vom Land in die Stadt zu bringen.

Res und Thea Aebi

Unser Interview in Aebis Stube fand am 19. Januar 2021 statt. Nachmittags kurz nach 16 Uhr nahm ich am Stubentisch Platz. Beim ersten Blick auf die Uhr war es schon fast 17.30 Uhr. Thea Aebi, seit 37 Jahren die Frau an Res Aebis Seite, begann gerade mit der Zubereitung eines Apfelkuchens. Sie lud mich spontan ein, doch gleich zum Abendessen zu bleiben. «Den Apfelkuchen meiner Frau musst du unbedingt probieren», warf Res Aebi ein. «Vorher müssen wir aber noch kurz auf die Terrasse… Schau mal das schöne Abendrot!» Ein paar Exkurse in die Ornithologie später war der Apfelkuchen bereit. Das Gespräch ging in eine persönliche, philosophische Schlussrunde…

«Durch den Lockdown haben wir vielleicht gelernt, die Welt mit anderen Augen anzuschauen.»

Lebensfreude entdecken

«Wir sollten nicht verpassen, das Schöne zu sehen!» Diese Überzeugung, die kleinen Dinge wahrzunehmen, schimmert während des ganzen Gesprächs immer wieder durch. «Durch den Lockdown haben wir vielleicht gelernt, die Welt mit anderen Augen anzuschauen.» Er habe bereits grosse Glücksgefühle, wenn er eine neue Vogelart wie zum Beispiel während des Lockdowns 2020 den Neuntöter aufstöbere. Diese Lebensfreude zu entdecken, sei das Wichtigste im Leben.

Auch der Glaube sei für ihn eine Quelle von Freude. «Zu wissen, dass ich unter diesem Schutz stehe, gibt mir eine gewisse Geborgenheit. Ich bete auch jeden Tag vor dem Einschlafen, wie dies schon meine Eltern getan haben.» Er sei dankbar, eine Frau an seiner Seite zu haben, die das auch immer hoch priorisiert habe. Obwohl sie aus einer traditionellen katholischen Familie stamme und er ein Protestant sei, funktioniere es sehr gut. Wenn es um die tätige Nächstenliebe im Alltag gehe, sei ihm seine Frau ein Vorbild. Sie sei es, die während des Lockdowns einem Nachbarn, der IV bezieht, das Mittagessen vorbeigebracht habe. Und sie sei es auch, die ihn jeweils herausfordere, auf Menschen zuzugehen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben. «Es braucht sehr viel Überwindung, zu einer Frau zu gehen, deren Mann sich einige Stunden zuvor das Leben genommen hat. Da benötige ich manchmal von meiner Frau den sanften Druck, mich den Situationen zu stellen. Auf diese Art miteinander das Leben zu teilen, ist zwar anstrengend, aber es gibt einem auch viel zurück.»

Hoffnung bleibt

Die hohe Sicherheit und der Wohlstand hätten uns Schweizer womöglich etwas träge gemacht, schlussfolgert Aebi: «Wenn man die vollen Regale in den Läden sieht und jeden Tag eine warme Wohnung hat, erkennt man den Wert all dieser Dinge oft gar nicht mehr. Man vermisst sie erst, wenn man sie nicht mehr hat.» Er hoffe, dass die Schweizerinnen und Schweizer durch die Krise ein neues Bewusstsein für Dankbarkeit bekommen. Als ehemaliger Präsident der Schweizerischen Viehzuchtverbände musste er sich oft mit Seuchen befassen. Nirgends gebe es so viele Viren, wie in der Rindviehzucht. «Doch glücklicherweise gibt es Impfungen gegen diese Viren.» So ist er auch mit Covid-19 zuversichtlich, dass es mit der Wärme im Sommer besser wird.

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