Eine Gemeindepräsidentin mitten in der Corona-Krise

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Sie erwartet mich coronakonform maskiert vor dem Gemeindehaus, einem sorgfältig sanierten Bauernhaus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Christine Hofer, die Gemeindepräsidentin des Emmentaler Dorfes Grosshöchstetten mit rund 4’200 Einwohnerinnen und Einwohnern. Dann leitet sie mich weiter zu einem nächsten historischen Gebäude mit dem Sitzungszimmer des Gemeinderates.

Hier gibt es eine aromatische Tasse Kaffee. Der angenehme Rahmen hilft, auch schwierige Themen anzusprechen. Die 50-Jährige gehört zu den Frauen, die sich in der Krise in einer Leitungsposition bewähren mussten.

Statement von Christine Hofer zu Hope Emmental

«Hope Emmental»: Seit rund einem Jahr befinden wir uns wegen der Corona-Pandemie in einem Ausnahmezustand. Wie hat Grosshöchstetten die Krise bisher gemeistert?
Christine Hofer: «Grundsätzlich hat Grosshöchstetten die Pandemie sehr gut gemeistert. Für Coiffeur-, Restaurantbetriebe und weitere Geschäfte, die im Frühling 2020 schliessen mussten, war das natürlich ein ganz hartes Jahr. Und die Einschränkungen dauern ja immer noch an. Im März 2020 verschickten wir ein Flugblatt und erklärten der Bevölkerung sämtliche Einschränkungen. Das wurde wohlwollend aufgenommen. Unser höchstes Ziel war, die Menschen zu schützen. Die Bevölkerung hat das verstanden und sehr gut mitgemacht.»

Als Gemeindepräsidentin stand Christine Hofer plötzlich mit zwei Mitgliedern der Gemeindeverwaltung an der Spitze eines Gemeindeführungsorgans und musste Dinge entscheiden, die in keinem Drehbuch festgelegt waren.

«Wir mussten versuchen, die Massnahmen des Bundesrates und des Regierungsrates möglichst gut auf die Gemeinde anzuwenden. Ich habe die Medienkonferenzen sehr genau verfolgt, druckte regelmässig die neusten kantonalen Verordnungen von der Website aus und strich mir an, was für Grosshöchstetten wichtig war.»

«Ich würde nicht so weit gehen, von einer Entfremdung zu sprechen. Aber das gesellschaftliche Leben, die gemeinsamen Anlässe, fehlen den Menschen im Dorf.»

Manchmal sei es nur schon eine Herausforderung gewesen, die richtigen Verordnungen und die jeweiligen Anpassungen zu finden. Nach der ersten Welle habe sie den Regierungsstatthalter deshalb in einem Gespräch darauf hingewiesen, dass die Gemeinden die nötigen Informationen möglichst rasch erhalten sollten. Er sei sofort darauf eingegangen und habe von da an alles, was er vom Kanton erhielt, umgehend weitergeleitet.

Was waren in dieser Zeit Ihre grössten Herausforderungen?
Christine Hofer:
«Ich musste – auch ohne Rücksprache mit dem Gemeinderat – finanzielle Entscheide treffen, für die ich im Normalfall gar nicht die Kompetenz gehabt hätte. Etwa das Schliessen des Entsorgungshofes. Für unsere Bevölkerung ein Ort, an dem man sich gerne zu einem Schwatz trifft. Diese Möglichkeit zu kappen, war hart. Da gab es dann Rückmeldungen wie: ‹Wir hatten jetzt Zeit, den Keller aufzuräumen. Jetzt möchten wir diese Sachen entsorgen.› Wenn wir den Entsorgungshof wieder geöffnet hätten, wäre das nur mit einem teuren Schutzkonzept möglich gewesen. Es war anspruchsvoll, den richtigen Zeitpunkt für Massnahmen herauszuspüren. Ab wann sollte die Gemeindeverwaltung geschlossen oder die Öffnungszeit der Bibliothek beschränkt werden? Und es war schwierig, das ‹Bleiben Sie zuhause› für die über 65-Jährigen in unserm Dorf umsetzen. Da hörte ich dann Rückmeldungen, dass ältere Menschen immer noch im Coop anzutreffen seien, verbunden mit dem Unterton: ‹Machen Sie etwas, Frau Hofer›.»

Für sie sei das Einkaufen aber eine Frage der Selbstverantwortung gewesen. Die Gemeinde stellte dann an den entsprechenden Orten Plakate auf, mit der Aufforderung, die Regeln zu beachten und verbunden mit einem Hinweis auf das Angebot der Kirchgemeinde, per App Einkaufswünsche zu äussern oder Hilfe anzubieten.

Nationalratspräsident Andreas Aebi (hier der ganze Bericht) vermutet in dieser Zeitung, dass es wegen der Distanzregeln zu einer Entfremdung kommen könnte, weil die gemeinsamen Erlebnisse fehlen. Stimmen Sie ihm zu?
«Ich würde nicht so weit gehen, von einer Entfremdung zu sprechen. Aber das gesellschaftliche Leben, die gemeinsamen Anlässe, fehlen den Menschen im Dorf. Viele fanden andere Gefässe, um etwa familiäre Beziehungen zu pflegen: FaceTime, Skype oder regelmässige Telefongespräche. Die Überschaubarkeit eines Dorfes hat in einer solchen Situation Vorteile. Man kennt einander und ist auch mal bereit, bei einem Problem den Nachbarn um Hilfe zu bitten. Wir haben uns nicht entfremdet, aber es ging etwas verloren.»

Dass die Corona-Zeit die Einstellungen der Bevölkerung nachhaltig verändern wird, glaubt sie nicht. Man werde es aber wieder mehr geniessen, dass man den Geburtstag in einer grossen Runde feiern und einander wieder an einem Dorffest treffen kann. Es sei schon erstaunlich, wieviele Leute in dieser Zeit die Schweiz entdeckt hätten. Es sei aber nicht zu erwarten, dass man in Zukunft weniger ins Ausland reisen werde, glaubt Hofer.

«Wir Schweizer leben auf kleinem Raum, uns zieht es deshalb auch an unbekannte Orte oder ans Meer.»

«Never waste a good crisis», soll Winston Churchill einmal gesagt haben. Das bedeutet frei übersetzt, man soll niemals eine gute Krise verschwenden, weil sie Chancen für Neues bietet. Wo sehen Sie die Chancen?
«Wir sollten die Offenheit für Neues, unsere Flexibilität und Kreativität in die Zeit nach Corona mitnehmen. Und neue Arbeitsmodelle ausprobieren: zum Beispiel zwei Tage zuhause im Home-Office und die übrige Zeit im Büro. Gastrobetriebe, die bisher nur auf die Leute vor Ort gesetzt haben, könnten ihr Angebot mit einem Take-Away verbinden oder regelmässig eine Kantine beliefern. So könnte man den Lebensunterhalt etwas breiter abstützen.»

Christine Hofer hat in der Krise erlebt, wie ihr der christliche Glaube Halt gab. Für sie sei es gerade in dieser Krisenzeit wichtig gewesen, zu wissen:

«Was auch immer passiert, dieser Vater im Himmel hat mich bedingungslos gern. Was auch immer ich tue, er steht zu mir und ich kann mich auf ihn verlassen.»

Das habe ihr auch beim Fällen von Entscheidungen geholfen, die manchmal auch unpopulär waren. Wenn sie den Eindruck habe, dass sie etwas intensiv mit Gott bereden sollte, suche sie ihren Lieblingsplatz auf: ein Bänkli oberhalb des Dorfes.

«Von dort aus hat man einen schönen Blick über das Dorf. Ich habe an diesem Platz immer wieder ganz tiefe Momente mit Gott erlebt.»

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