«Die schwarze Spinne» im Kino

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Die Verfilmung von der «Schwarzen Spinne» (Bild: kultkino.ch)

Im Zentrum der Novelle «Die Schwarze Spinne» steht der Pakt mit dem Teufel mit all seinen verheerenden Folgen für die Dorfbevölkerung von Sumiswald. Die Livenet-Filmkritik zweier Gotthelf-Kenner fällt sehr unterschiedlich aus.

Regisseur Markus Fischer gelang es, für die Neuverfilmung der «Schwarzen Spinne» die Rollen mit international bekannten Schauspielern wie Anatole Taubman, Lilith Stangenberg und Nurit Hirschfeld zu besetzen.

Kirche aus Netflix-Serie «gemietet»

Fünf Millionen Franken kostete das Filmprojekt, das während der Coronapandemie in Ungarn realisiert werden konnte. «Wir konnten davon profitieren, dass wir zum Beispiel die gleiche Kirche und auch Requisiten aus der Netflix-Serie ‹The Last Kingdom› günstig nutzen durften», sagte Markus Fischer bei der Vorpremiere im Kino Krone in Burgdorf.
Er habe sich für den Film die Freiheit genommen, das Emmental etwas düsterer zu zeigen, als man es heute mit den grünen Wiesen kennt. Damals habe es mit Sicherheit karger ausgesehen als heute. Die Berner Alpen seien in der Postproduktion eingefügt worden, ebenso wie die Spinnen am Ende des Films, so der Regisseur.

Lohnt sich ein Kinobesuch?

Livenet lud zwei Gotthelfkenner zu einer Filmkritik ein. Fritz von Gunten hat Bücher über Gotthelfs Werke herausgegeben und 2004 das Gedenkjahr zum 150. Todestag des Lützelflüher Pfarrers und Autors organisiert. Werner Eichenberger ist Mitglied des Leitungsteams des Gotthelf-Zentrums Lützelflüh. Wie haben Sie die 116 Minuten des Kinofilms «Die Schwarze Spinne» erlebt?

Filmkritik 1: Warum ich den Film empfehle

Werner Eichenberger

Kann man «Die schwarze Spinne» verfilmen? Ihre komplexe Struktur? Den tiefgründigen Stoff? Schauen wir hin: Wer die Novelle kennt, sollte sich von ihr lösen, sich nur von den Bildern auf der Leinwand einnehmen lassen. Regisseur Markus Fischer erzählt bloss die erste Binnenerzählung aus dem Mittelalter, verzichtet auf Rahmenhandlung und «Wiederholung». Das ist schade, denn sie deutet an, dass die Gefahr zwar gebannt, die Spinne eingesperrt ist, sie aber auch wieder ausbrechen könnte.

Aber Fischer nimmt sich spannende Freiheiten heraus: Christine, die den Teufelspakt schliesst, ist nicht mehr die eingeheiratete Lindauerin, sie gehört zur Dorfgemeinschaft. So ist es unmöglich, die Schuld auf die «Fremde» abzuschieben, das Dorf wird mitschuldig. Christine, die eine Zwillingsschwester hat – auch ein Einfall Fischers –, ist eine emanzipierte Frau, die die Bauern überzeugen will, gegen die Ritter zu kämpfen. Angesichts des Terrors durch von Stoffeln und des Zögerns der Bauern schliesst sie allein den Pakt mit dem Teufel. Als die Bäume gepflanzt sind, wird Christine zur Heldin – aber rasch zur Ausgestossenen, als der Teufel das ungetaufte Kind als Lohn verlangt. Das Dorf verhält sich gemein!

Interessant, wie der Film zeigt, warum der Komtur ein gnadenloser Bösewicht geworden ist: In schauerlichen Träumen holen ihn die Erlebnisse aus der Mongolei ein, wo er in blutige Kämpfe verwickelt war: Sind es posttraumatische Belastungsstörungen?

Bald gewöhnt man sich an die Filmlandschaft, die trotz digitaler Berner Alpen im Hintergrund nur teilweise ans Emmental erinnert. Es lohnt sich, den Film anzuschauen – aber lesen Sie anschliessend «Das Original»!

Werner Eichenberger, Mitglied des Leitungsteams des Gotthelf Zentrum Lützelflüh

Filmkritik 2: Wo bleibt das «Gott Helf»-Element?

Fritz von Gunten

Angekündigt als Verfilmung von Jeremias Gotthelfs «weltberühmter» Novelle über die zeitlose Botschaft im Kampf gegen die teuflische Macht des Bösen, waren meine Erwartungen an den Film recht gross. Umso mehr, als ich 1983 bei der ersten Verfilmung der «Schwarzen Spinne» von Marc Rissi, im Hintergrund bei den Filmaufnahmen im Emmental im logistischen Bereich Hilfeleistungen vermitteln und erbringen konnte. Immerhin schaffte es diese Verfilmung, bei der das aktuelle Thema der Drogensucht im Zentrum des Bösen der Pest aus dem Mittelalter entgegengesetzt wurde, auf Platz 7 der erfolgreichsten Filme der Schweizer Filmgeschichte.

Im Jahr 2015 durfte ich bei der «SPINNEN-Oper» von Peter Roth die Zusammenarbeit mit dem Komponisten, dem Chor und dem Albert-Schweizer-Werk koordinieren. Als Botschaft der Verknüpfung von Gotthelfs zeitloser «Spinnen-Botschaft» stand diesmal Albert Schweitzers Ethik der «Ehrfrucht vor dem Leben» am Beispiel der sinnlosen und brandgefährlichen Atomrüstung und dem ungelösten Problem der Endlagerung des strahlenden Atommülls im Zentrum. «Ehrfurcht versus Machbarkeit» oder «Jede Generation muss ihre Aufgaben selber lösen» war unser Credo.

Nun, seit ich vor wenigen Tagen den Kinosaal verlassen habe, suche ich immer noch nach der «Gotthelfschen Botschaft» der neuen Verfilmung. Und ich kann sie beim besten Willen (noch) nicht finden. Albert Bitzius hat ja nicht von ungefähr als sein schriftstellerisches Pseudonym «Jeremias Gotthelf» gewählt. «Jeremia», der anklagende, aufmüpfige Prophet, der sich kritische Gedanken um das Zeitgeschehen macht. Aber nicht nur. Als «Gott Helf» hilft uns Bitzius auch, Brücken zu schlagen, um aus dem Elend, der Not, der Verzweiflung den Weg zu mehr Menschlichkeit, Besonnenheit und sozialer Gerechtigkeit zu finden.

Und eben diesen Brückenschlag vermisse ich im neuen Film. Schade, dass gerade zum 225. Geburtstag Gotthelfs, sein wohl bekanntestes und immerhin in 16 Sprachen übersetztes Werk «Die Schwarze Spinne» bloss bei der Anklage bleibt. Eigentlich hätten wir in der derzeit «ver-rückten» Welt 2022 mehr «Gott Helf» nötig.

Fritz von Gunten, Projektleiter der Gotthelf-Gedenkanlässe im Emmental

Autor: Florian Wüthrich

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