Lionel Dellberg: «Ich bin ein Abenteuer-Junkie»

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Lionel Dellberg (Bild: Mirjam Fisch-Köhler)

Lionel Dellberg aus Bern arbeitet als professioneller Zauberkünstler. Weltweit verblüfft er Menschen mit raffinierten Illusionen und gekonnten Jonglagen. Aufgewachsen ist der junge Vater in einer Alphütte im Wallis.

Die ersten Sommer seines Lebens verbringt Lionel auf einer Alp oberhalb von Gondo. «Meine Eltern gehören zu den Aussteigern der 68-Jahre», erklärt der 39-Jährige. Beide haben eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert, von Mai bis September betreiben sie die Alpwirtschaft und sömmern die Kühe mehrerer Bauern. Bis die Kinder schulpflichtig werden, lebt die Familie deshalb in einer Alphütte und im Winter in Rosswald bei Brig. Dort sind die Eltern während der Saison als Skilehrer tätig, Lionel und seine Schwester werden bis zu den Sommerferien von den Grosseltern betreut. Danach verbringen sie die acht Wochen Ferien wieder auf der Alp bei den Eltern. «Das war jeweils eine sehr schöne Zeit», erinnert und freut sich Lionel.

Aus der Kirche geworfen

«Mein Grossvater war ein halbes Jahrhundert lang Berufspolitiker, er gründete die SP im Wallis», führt Lionel aus. Damals sei auch in der Kirche unverblümt politisiert worden. Eine Partei ohne das «C» für die christliche Basis – das missfiel dem Bischof jedoch sehr. Die Konsequenz: «Er hat unsere Familie aus der katholischen Kirche geworfen.» Durch die Gebete seiner Grossmutter erkennt der Bub: «Der Glaube gibt ihr Halt.» Er lernt Geomatiker und schliesst die Berufsmatur an. Nach der Fachhochschule verlässt Lionel seine Heimat. In Luzern, dem spanischen Valladolid, Neuenburg und in Kentucky, USA, studiert er Wirtschaft. Nebenbei trainiert er wieder Zaubertricks. «Mit etwa sieben Jahren hatte ich damit angefangen», erklärt der heutige Profi.

Lionel Dellberg bei einem Auftritt. (Bild: zVg)

2021 räumt er in Amerika ab

Doch dem Zauberkasten ist er längst entwachsen. Heute verblüfft er die Menschen mit Jonglagen und allerlei «Unmöglichem»: Tricks mit Karten und Würfeln, einem Badetuch, hinter dem plötzlich eine Frau auftaucht, oder mit einer Milchpackung, aus der er auch Cola, Orangensaft und Wein serviert, lösen ungläubiges Staunen aus. Als erster Schweizer wird Lionel 2021 vom amerikanischen Magier-Duo Penn und Teller in dessen jährliche Zauber-Show eingeladen. Ziel ist, ihnen einen Trick zu zeigen, den sie nicht auflösen können. Bei dieser erfahrenen Jury gelingt das jeweils höchstens einem der Kandidaten. Lionel ist letztes Jahr der Glückliche und gewinnt anlässlich der 100. Ausstrahlung der landesweit berühmten Show den «Foolus-Award». Damit könnte er in Las Vegas aufzutreten, doch er zieht es vor, in der Schweiz zu spielen. Privatpersonen und Firmen buchen ihn, mal spielt er vor fünf, mal vor 2500 Personen live. Auch in TV-Shows verblüfft der Lockenkopf das Publikum und auf dem Walliser Privatsender «Kanal9» seine Gäste.

«Ich habe keine übernatürlichen Fähigkeiten. Ich setze die fünf Sinne ein und erschaffe Illusionen.»

«Bist du Jesus?»

Weil aus der Milchpackung auch Wein fliesst, hätten ihn die Moderatoren bei «Fool-us» gefragt: «Bist du Jesus?» Lionel schmunzelt. «Was Jesus machte, war ein Wunder, ich kann die Illusion ebenfalls herstellen, aber ich bin kein zweiter Jesus». Fingerfertigkeit, Übung und aufmerksame Kommunikation mit dem Publikum seien die Grundlage seiner Zauberei. «Ich habe keine übernatürlichen Fähigkeiten», hält Lionel fest. «Ich setze die fünf Sinne ein und erschaffe Illusionen». Dass Sektenführer ebenfalls Tricks nutzen, um Menschen zu manipulieren, stösst ihn ab. «Sie tun so, als hätten sie Kräfte, die so nicht da sind», erklärt er. «Das ist Scharlatanerie». Damit hat seine Zauberei nichts zu tun. Lionel setzt bei seinen Vorführungen auf Anderes: «Meine Zuschauer müssen überzeugt sein, dass das Geschehen nicht möglich ist. Sie versuchen jeweils herauszufinden, wie der Trick funktioniert. Doch es gelingt ihnen nicht. Das ist ein kognitiver Prozess: Man gleicht das Gesehene mit dem rationalen Wissen ab und kommt zu keiner Lösung». Für einmal dürfe man den Intellek weg- und sich einfach verzaubern lassen, findet Lionel.

Kreislauf des Lebens

Auch wenn er konfessionslos geblieben ist, geheiratet hat Lionel in der katholischen Kirche in Brig. Seine christlichen Werte haben ihn geprägt. Er behandelt seine Mitmenschen so, wie auch er behandelt werden möchte «Wer du bist und was du machst, ist wichtig», erklärt Lionel. Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein soll, findet er übertrieben. «Das Leben bewegt sich im Kreis, es entsteht und geht in etwas über». Wie bei einem Rad gehe es weiter und komme zurück. Lionel präzisiert: «Du empfängst vielleicht nicht von der gleichen Person etwas, aber jede nimmt und gibt». Lionel ist überzeugt: «Wer Gutes tut und Positives erwartet, bekommt das auch zurück.»

Spielen macht Spass

Der junge Vater blickt zuversichtlich in die Zukunft. Auf Neues reagiert er als offene und vielseitig interessierte Person nach dem Motto: «Warum nicht?» Wenn keine stichhaltigen Argumente gegen etwas sprechen, lässt Lionel sich darauf ein. Immer wieder Unbekanntes zu erforschen, zu lernen, das fasziniert ihn: «So bleibt der Geist wach.» Er beobachte dies bei seinem kleinen Sohn. Wie der bald Zweijährige befasst sich Lionel gern spielerisch mit Themen. So stellt er in seiner neuen Show den fiktiven Priester Xaver Supersaxon dar, der auf der Suche nach der Wahrheit ist.

«Wer Gutes tut und Positives erwartet, bekommt das auch zurück.»

Das Kribbeln bleibt

Seine Anstellung in der Wirtschaft hat Lionel gekündigt und ist seit fünf Jahren als Profi für Verzauberung unterwegs. «Ich bin ein Abenteuer-Junkie», gesteht er lächelnd. Lionel gehört zum «Magischen Ring Schweiz», wo sich Zauberer austauschen. «90 Prozent aller Tricks sind Allgemeingut», erklärt der Wahlberner. «Jeder, der sich dafür interessiert, kann sie sich aneignen. Das Aussergewöhnliche entwickeln die Profis eigenständig.» Seine Hilfsmittel lässt sich der Tüftler von einem Ingenieur anfertigen, Training und Feinschliff liegen bei ihm. «Gute Berufskollegen sind Werbung für mein Programm», stellt er klar. Das Publikum wolle vergleichen, sich immer wieder auf andere Art verblüffen lassen. Eine gewisse Konkurrenz herrsche schon, aber Lionel betrachtet sie eher als positiven Wettbewerb. Auch wenn er sich seiner Sache sicher ist – bevor er die Bühne betritt, steigt jeweils ein Kribbeln in ihm auf: Anspannung und Vorfreude. Die Situation ist nicht vorhersehbar, die Reaktion des Publikums offen. Wenn die Interaktion gelingt, sind Künstler und Gäste glücklich. Sie fühlen sich unbeschwert – wie verzaubert…

«90 Prozent aller Tricks sind Allgemeingut.»

Zur Person

Einer meiner Lieblingsplätze im Wallis:
Saflisch oberhalb Rosswald

Meine Lieblingsbeschäftigung an verregneten (Sonntag-)nachmittagen:
Zaubern und Musik hören

Meine Lieblingsmusik:
Alles und nichts – je nach Stimmung

Auf diese App möchte ich auf keinen Fall verzichten:
SBB Mobile

Zur Website: Lionel

Autorin: Mirjam Fisch-Köhler

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